Sehr geehrter Herr Spahn

Sehr geehrter Herr Spahn,


mit diesem Brief möchte ich mich als Sprecher der Protestaktion „Pflegekräfte in Not“ an Sie als neuen Gesundheitsminister wenden.


Ich kann die „Bemühungen“ für das Sofortprogramm von 8.000 Pflegekräften in der Presse und von Ihnen selbst nicht mehr hören. Diese 8.000 Pflegekräfte sind noch nicht mal ein „Tropfen auf den heißen Stein“ in unserem Gesundheitssystem. Der Mangel an Fachkräften in der Pflege, welchen wir übrigens schon seit Jahrzehnten haben, ist nur ein Symptom dieses Gesundheitssystems. Ein System was die Politik und die Verantwortlichen genau so gewollt und geprägt haben.

Wir hatten in diesem Land genug Pflegekräfte, nur sind diese im Laufe der Jahre nach und nach ausgestiegen. Der Begriff „Pflexit“ sagt Ihnen vielleicht etwas. Die stetig schlechter werdenden Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen werden seit Jahrzehnten von der Politik und den Verantwortlichen geduldet und verschwiegen, ab und an behandelt man sie mit einem „Reförmchen“ um den aufkeimenden Widerstand abzumildern, zu besänftigen oder mit Augenwischerei zu verbergen.


Ein „Sofortprogramm“ für die Pflege bedeutet nicht eine bestimmte Anzahl an Pflegekräften in Pressemitteilungen oder als Zahl einfach zu nennen. Nein, ein Sofortprogramm bedeutet die Schaffung eines gesetzlich verankerten und an die Zeit sowie Morbidität der unterschiedlichen Menschen angepassten Pflegeschlüssels, der individuell für alle Bereiche der Pflegeberufe (Kranken- und Altenpflege) gilt und eingehalten werden muss. Ohne Ausnahmen, ohne Senkung der Fachkraftquote, ohne die Möglichkeit diesen Pflegeschlüssel durch Pflegehilfskräfte einzuhalten und er muss immer gelten. Nicht nur “ein paar Mal im Quartal“ wie von verschiedenen Gesellschaften und Betreibern bereits gefordert.


Dieser für die Gesellschaft wichtige Berufszweig wird seit Jahren von der Politik unattraktiv gemacht. „Ein-Euro-Jobber“, Hartz 4 Empfänger, „Schlecker-Frauen“, der Begriff „Pflege kann ja jeder“ prägt das politische Erscheinungsbild und die öffentliche Haltung zu den Pflegeberufen. Wenn selbst die Entscheidungsträger den Beruf nicht wertschätzen, welches Vorbild sind Sie denn dann für die Gesellschaft.

Wer erlernt denn einen Beruf in dem er mit Drei-Schicht-System, Diensten am Wochenende, an Feiertagen sehr wenig Zeit für die Pflege von Freunden, Beziehungen, Ehen oder schlichtweg seinem Leben hat. Wer erlernt einen Beruf bei dem die Bezahlung schlechter ist als in der Automobilbranche, in der es „nur“ um Autoteile geht, während der Pflege in ihren unterschiedlichen Bereichen täglich das Leben der Menschen anvertraut wird.


Ihr letzter Vorschlag zur „Abmilderung“ des Pflegenotstandes, war die Idee wieder verstärkt Pflegekräfte aus dem europäischen Ausland anzuwerben. Diese Idee ist alles andere als neu, revolutionär und zukunftsdenkend. Sie sollten bedenken, dass andere europäische Länder ganz andere Ansätze in ihrem Gesundheitssystem haben welche mit unserem nicht übereinstimmen oder sogar unser Gesundheitssystem im Vergleich rückständig ist. Das berufliche Verständnis ist anders geprägt als in Deutschland, in vielen Ländern übernehmen Pflegekräfte weit mehr Verantwortung als bei uns mit deutlich besseren Verdienstmöglichkeiten. Und Sie sollten auch bedenken, dass in den jeweiligen Ländern der Pflegenotstand ein Thema ist und Sie dadurch die dort dringend benötigten eigenen Pflegekräfte des Landes abwerben.


Was diesem Land fehlt, ist ein neues Gesundheitssystem. Ein System, welches nicht mit den Kranken und Alten der Gesellschaft Gewinne erzielt und zu guten Renditen und Börsenkursen der Betreiber beiträgt.


Wenn Sie wirklich Mut hätten, so würden Sie den Bürgern erklären, dass dieses System nicht mehr Jahrzehnte funktionieren wird. Ich bin mir sicher unsere Gesellschaft würde es verstehen und sie würde auch dafür, wenn es notwendig sein sollte, eine Steuer bezahlen. Aber nur wenn jeder die gleiche und gerechte Versorgung dafür bekommt. Wenn man das den Bürgern erklären kann, dann ist ein gerechtes und vor allem staatliches Gesundheitssystem, wie es uns die skandinavischen Länder seit Jahren vorleben, die Antwort und die Zukunft.


Alles andere was bislang uns Pflegekräften und auch den Patienten/Bewohnern und Angehörigen als Reformen verkauft wurde und aktuell wird, kann und wird dieses System nicht verbessern, den Pflegenotstand noch nicht mal im Ansatz beheben, nicht in die Zukunft führen und es nicht vor dem Kollaps retten.


Mit freundlichen Grüßen


Stefan Heyde

Pflegekräfte in Not“

Sehr geehrter Herr Spahn, mit diesem Brief möchte ich mich als Sprecher der Protestaktion „Pflegekräfte in Not“ an Sie als neuen Gesundheitsminister wenden. Ich kann die „Bemühungen“ für das Sofortprogramm von 8.000 Pflegekräften in der Presse und von Ihnen selbst nicht mehr hören. Diese 8.000 Pflegekräfte sind noch nicht mal ein „Tropfen auf den heißen Stein“ in unserem Gesundheitssystem. Der Mangel an Fachkräften in der Pflege, welchen wir übrigens schon seit Jahrzehnten haben, ist nur ein Symptom dieses Gesundheitssystems. Ein System was die Politik und die Verantwortlichen genau so gewollt und geprägt haben. Wir hatten in diesem Land genug Pflegekräfte,…

Bewertung mit Übersicht

Zusammenfassung : Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?

Bewertungen: 4.78 ( 2 Bewertung(en))

Kommentar verfassen

x

Noch ein interessanter Artikel

Welcher Tag ist heute eigentlich ?

Welcher Tag ist heute eigentlich ? Manchmal weiss ich wirklich nicht an welchem Wochentag ich ...