Anerkennung Pflege - Weil Pflege mehr ist !

Klartext Pflege

„In der letzten Phase des Lebens endet die Freiheit nicht selten an Fixiergurten – vor allem dann, wenn die Pfleger eines Altenheimes sich ihren Job etwas störungsfreier gestalten wollen.“

DER SPIEGEL Nr. 33/ 2014, Redakteurin: Barbara Schmidt

Ich bin Examinierte Pflegefachkraft, arbeite auf einem Wohnbereich für Menschen mit Demenz.
Ich lasse mich von den dort Anvertrauten anschreien, schlagen, kratzen, bespucken und bereits um 6.00 Uhr am Morgen als unfähiger Taugenichts beschimpfen. Ich validiere die abstrusesten Phantasien, fühle mich ein, erkunde dabei biografische Details und Hintergründe, verlängere Leben und versuche, bei aller Würdelosigkeit von persönlichen Schicksalen, den Respekt zu wahren.
Ich habe Humor. Ich wasche belebend oder beruhigend, massiere, um Verstopfungen zu vermeiden, creme zum Erhalt einer intakten Haut, schneide Nägel, organisiere den Friseurbesuch, habe täglich zahlreiche Nahkoterfahrungen, versorge professionell Wunden, brauche permanent 10 Augen am Hinterkopf und nicht weniger vorn geöffnet, um nur ja das nächste Hämatom, den nächsten Sturz zu vermeiden und zudem eine Flucht aus den geschützten Räumen unmöglich zu machen.
Ich lüge rotzfrech alten Menschen ins Gesicht wenn’s der Sache dient – „Aber natürlich können Sie heute Abend heim! Direkt nach dem Abendessen.“ Gemeint ist: Ins Heim. Wo Sie ja bereits sind, und Ihr Drecksack von Sohn, der Ingenieur – na sie wissen schon, der das letzte Mal vor einem Jahr, für 5 Minuten zu Besuch war, hat noch immer weder ihre Unterkunft hier bezahlt, noch Pflegemittel vorbei gebracht.
Ich rufe Sonntagmorgen 8 Uhr bei ihnen an, um zu sagen, dass die liebe Mutti heute Nacht verstorben ist. Schweren Herzens, selbst mit Tränen kämpfend. Weil es meine Pflicht ist. Danach flechte ich Zöpfe, rasiere faltige Haut, informiere das Bestattungsinstitut, reiche Essen, versuche das Verdursten zu verhindern, indem ich Flüssigkeit in widerwillige Münder träufele, und wische hinterher die Mundwinkel sauber.
Ich knöpfe viel zu eng gewordene Blusen, binde Schuhe, beziehe Betten, entsorge schimmlige Schnitten, die versteckt im Nachtschrank darben, gebe den Medizinern Hinweise zu Risiken und Nebenwirkungen, stelle auf die Waage, messe Blutzucker und Blutdruck, schiebe Zäpfchen, entferne Kotsteine oder zerkleinere auf Anordnung eines Arztes die Medikamente, um sie unter Angelikas Pudding zu mischen. Ich leere Katheterbeutel, reinige künstliche Luftröhrenzugänge, spritze ins Fettgewebe oder in den Muskel, wechsele die Beutel künstlicher Darmausgänge, beruhige, scherze, nehme in den Arm und tröste.
Ich schimpfe, ohne laut zu werden, wenn Gottfried mir mit dem Rolli von hinten mit Anlauf in die Hacken fährt, protokolliere jeglichen Vorfall und protokolliere noch das Protokollieren, stets am Rande der Legalität, jeden Tag einen Fuß schon in der Schlinge. Ich besänftige Angehörige, nehme ihnen ihr schlechtes Gewissen, kondoliere, agiere aus gesundem Menschenverstand mit aller mir innewohnenden Menschlichkeit. Ich mache eine Falte ins Kopfkissen, lüfte den Raum, streichele durchs Haar. Auf Wunsch gibt’s Zucker in den Kaffee und die Rinde vom Brot wird selbstverständlich abgeschnitten. Ich berate, informiere, fühle mich empathisch in rasend wechselnde Situationen und gehe, wenn ich nach all den Diensten eigentlich einen Tag frei habe, den Kopf voller Bedenken dann noch zur Dienstberatung – nur um mir sagen zu lassen, dass auf dem Wohnbereich wieder zu viele Handtücher verbraucht wurden und die Prämie gestrichen ist.
Ich lächle, schätze Risiken ein, manage Therapeutentermine, stelle einen Becher Wasser ans Bett und schalte das Nachtlicht ein, rette im Zimmer nebenan eine Seele, die vor Kummer zu zerbrechen droht. Ich dusche und bade, greife in Münder um Zahnprothesen reinigen zu können, begleite wenn’s noch geht aufs WC.
Ich höre mir sieben Stunden lang an: „Ich will sterben. Lasst mich doch sterben. Ich will sterben. Lasst mich doch sterben. Ich will sterben. Lasst mich doch sterben. Ich will sterben. Lasst mich doch sterben….“, ohne vor Ratlosigkeit oder Scham genervt zu werden, zerre Kompressionsstrümpfe über viel zu enge Beine, lege Kompressen unter viel zu große Brüste, setze Brillen auf Nasen und pfeifende Hörgeräte in längst taube Ohren.
Ich analysiere jeglichen Auswurf von Körpersekreten noch vor der ersten und oft einzigen Zigarettenpause, wühle in Windeln, um irgendwie den gewünschten Urinstatus fürs Labor zu bekommen, drehe und wende und schiebe und hebe, hebe, hebe, selbst dann noch, wenn ich selbst kaum noch tragen kann. 17 Demenzkranke im Flohzirkus.
Fliegender Wechsel. Willkommen im Paradies. Gern geschehen! All das gehört zu meinem Beruf. Na? Wollen wir tauschen? 1400 Euro auf die Hand. Ganz ehrlich: Ich mache diesen Beruf wirklich gern. Was ich jedoch inzwischen überhaupt nicht mehr ertragen kann, ist die sogenannte Öffentlichkeit medialer Natur, die Gesellschaft, welche versucht aus mir und allen Kollegen einen schlagenden, freiheitsberaubenden, skrupellos Medikamente verabreichenden Unmenschen zu machen.
Bei aller Würde, die wir versuchen aufzubringen, behandelt man uns würdelos! Wir sind die Sündenböcke für eine verfehlte Politik, für die Gier, die Ratlosigkeit, für fehlende Visionen, ein fehlendes Konzept. Wir sind Angestellte in einer „Gesundheitswirtschaft“, die weder etwas mit Gesundheit zu tun hat, noch etwas mit Wirtschaft zu tun haben sollte, kämpfen jeden Dienst, jede Minute an einer Front die niemand sehen will, von der sich jeder abwendet, um hinter dem Rücken zu tuscheln: „Also, ich könnte das nicht machen.“ Für unsere Arbeitgeber, egal wie sie auch heißen, welches Leitbild sie sich gegeben, welcher Dachorganisation sie angehören und wie humanistisch sie sich im Wettbewerb gebärden, sind wir nur schlecht kalkulierbare Wirtschaftlichkeitsfaktoren mit dem Hang, immer im ungünstigsten Augenblick zu erkranken.
Wir sind austauschbares Menschenmaterial, unendlich einsetzbar, sind immer im falschen Moment zu dumm, oder im richtigen zu schlau.
Wir sollten uns nicht so haben! Und überhaupt: Wenn es Ihnen nicht passt, Sie Ängste, Sorgen, Schmerzen oder gar Anregungen haben können Sie gerne gehen, sich einen anderen Beruf suchen. Ich: Chef. Du: fauler Idiot.
Vielen Dank. Die meisten Schlagzeilen, die wir Pflegekräfte in den Massenmedien Deutschlands bekommen, sind negative: Irgendwo hat mal wieder ein Pfleger einen Pflegebedürftigen geschlagen, ein Bettgitter unerlaubter Weise gezogen, Psychopharmaka verabreicht, die nicht verordnet waren, oder sich selbst an ihnen gelabt, hat einen Sturz nicht verhindert, etwas übersehen, das schließlich zum Tod des Schutzbedürftigen geführt hat und dann auch noch den Ehering vom kalten Finger gezogen.
Wir sind die, die zu Tode pflegen, ignorant die Leiden übersehen, um sich gemütlich eine immer währende Kaffeepause zu genehmigen. Wir sind Chinesen oder Ex-Schlecker-Mitarbeiter, sind Asoziale, die keinen anderen Beruf gefunden haben, und nun notgedrungen in der Scheiße anderer wühlen.
Wir sind unmenschlich. Sind wir das? Will die Öffentlichkeit uns so sehen? Denkt nach! Alter, Demenz, Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, der Tod – all das sondiert nicht nach einem gefüllten oder einem leeren Portemonnaie, nicht nach einer Einstellung.
Es betrifft uns alle. Wie wollen wir selbst später einmal gepflegt werden? Wie wollen wir, dass unsere Großmutter heute gepflegt wird? Wer soll sich liebevoll um sie kümmern, wenn sie sich der Welt langsam entfernt, die Bügelwäsche in den Herd legt und jeden Tag davon ausgeht, dass heute Sonntag ist?
Wer soll sich mit ihr in Dementisch unterhalten und sie dabei trotzdem ernst nehmen? Eine Chinesin? Ich bin bereit, mit jeder politischen wie außerpolitischen Macht zusammenzuarbeiten, zu beraten, zu diskutieren, zu schreiben, bereit, mein Wissen um die Realität in der Pflege genauso einzubringen, wie all meine anderen Erfahrungen und meinen gesunden Menschenverstand, um Veränderungen anzustoßen.
Denn Fakt ist: SO GEHT ES NICHT WEITER. Der Punkt, um über irgendwann später zu philosophieren, ist bereits überschritten. Es geht nicht mehr um bessere Kontrollorgane, mehr oder härtere Prüfungen, ausgefeiltere Expertenstandards, perfekt koordinierte Pflegeplanungen, eine effizientere Organisation der vorhandenen Ressourcen, oder um Zeitmanagment!
Pillepalle war vorgestern. Denn bei all der übergestülpten, bürokratischen Fachlichkeit kommt eines zu kurz: Oma. Es ist sinnlos sich wieder und wieder pro wie contra um Marginales zu streiten, ohne dabei gesellschaftlich visionär oben genannte Fragen zu beantworten und ein tatsächliches Gesamtkonzept zu entwickeln, welches auf die Beantwortung hin arbeitet. JETZT.
Denn momentan arbeitet die Pflege einzig auf Verschleiß der Wenigen, die sich aus unterschiedlichsten Gründen dafür entschieden haben, in ihrem Dasein Altruismus und Egoismus zu verbinden, sich entschieden haben, ihre Menschlichkeit zu einem Gut zu machen.
Wir versuchen Dienste abzudecken, obwohl wir nach einer sieben Tage Woche mal einen Tag frei haben. Wir beschweren uns nicht über einen gänzlich inadäquaten Lohn für die physisch wie psychisch anspruchsvolle Arbeit. Wir nehmen hin, dass wir für jedes Hämatom verantwortlich gemacht werden, auch wenn dieses recht selten zum Tode führt, halten den Kopf hin für all die Gewalt des Alterns, treffen Entscheidungen ohne Rückendeckung, machen was möglich ist – aber dies reicht Euch nicht.
Wir arbeiten auch dann noch, wenn andere sich längst hätten krank schreiben lassen, denn schließlich sind wir immer noch gesünder, als die Leidenden, welche wir zu umsorgen haben, arbeiten Wochenenden und Feiertage, Weihnachten wie Ostern, Tag wie Nacht.
Wir geben dabei denen Liebe, die verlassen wurden, zu nichts mehr nütze sind, am Ende eines Lebens voller Triumphe nun das Scheitern, das Verlassen zu erlernen und schließlich ihre Endlichkeit zu erfahren haben. So wie eine Amme, ein Erzieher, ein Lehrer ins Leben verhilft, so versuchen wir in unserem Beruf, aus dem Leben zu helfen, die Angst zu überwinden, den Schmerz zu lindern, die Tage mit Sinn zu erfüllen, auch wenn die Sinne schwinden. Nein – natürlich gelingt uns dies nicht immer mit Auszeichnung, oder gar nach Plan. So ist das Leben.
Wir sind angewiesen auf unsere Stärken wie Schwächen, unsere Menschlichkeit, auf ein Netzwerk verständnisvoller Menschen, Ärzte, Therapeuten, Angehörige, angewiesen auch auf individuelle Fähigkeiten wie Geduld, Empathie, Kreativität, Demut, welche nicht jedem gleich gegeben sind, zudem aber auch angewiesen auf eine Öffentlichkeit, die einen Wert in unserer Arbeit erkennt.
Denn nur wenn dieser Wert erkannt wird, werden wir weiterhin mit unserem Gewissen vereinbar pflegen können und sich auch künftig Menschen finden, um diese Arbeit zu verrichten.
Das Zitat am Anfang diese Textes ist nur ein einziges, winziges Beispiel für das, was ich und mit mir alle Kollegen an unbedachter Verleumdung von der medialen Öffentlichkeit zu ertragen haben und was zugleich die gesamte Pflege in falsches Licht stellt.
Auch wenn der Rest des Artikels positiv sein mag, so bezichtigt mich dieser lapidar hingeworfene Nebensatz doch der Freiheitsberaubung. Und dies ist schlicht eine respektlose Frechheit. Wenn Sie Scham kennen, dann schämen Sie sich. Ruhigen Dienst allen Kollegen.

In lauter Trauer allen Anderen.

Alexander A.

„In der letzten Phase des Lebens endet die Freiheit nicht selten an Fixiergurten – vor allem dann, wenn die Pfleger eines Altenheimes sich ihren Job etwas störungsfreier gestalten wollen.“ DER SPIEGEL Nr. 33/ 2014, Redakteurin: Barbara Schmidt Ich bin Examinierte Pflegefachkraft, arbeite auf einem Wohnbereich für Menschen mit Demenz. Ich lasse mich von den dort Anvertrauten anschreien, schlagen, kratzen, bespucken und bereits um 6.00 Uhr am Morgen als unfähiger Taugenichts beschimpfen. Ich validiere die abstrusesten Phantasien, fühle mich ein, erkunde dabei biografische Details und Hintergründe, verlängere Leben und versuche, bei aller Würdelosigkeit von persönlichen Schicksalen, den Respekt zu wahren. Ich…

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