Anerkennung Pflege - Weil Pflege mehr ist !

Gebt der Pflege eine Stimme!

Es kann und wird Ihnen widerfahren, dass Sie in Kontakt mit uns kommen. Denn wir sind Menschen, die im Gesundheitssystem eine tragende Rolle spielen. Rund ein Viertel bis ein Drittel der im Gesundheitssystem tätigen Menschen arbeiten in der Pflege – ausgebildet und tätig in der Alten-, Gesundheits- und Krankenpflege, aber auch der Geburtshilfe und der Kinderkrankenpflege.

Was wir alltäglich und rund um die Uhr leisten, bleibt vielen verborgen. Häufig höre ich Respektsbekundungen wie: „Was Du da machst, könnte ich gar nicht!“ Gleichzeitig fühle ich mich oft mit einer herabwürdigenden Sichtweise auf die Arbeit konfrontiert. Mit diesem Gefühl bin ich nicht alleine. Oft genug wird Pflege als Hilfs- und Zuarbeit der Medizin gesehen. Die Pflege scheint für viele als Reinigungspersonal zu fungieren – für Münder nach der Speisegabe und Allerwerteste nach der Verrichtung der Notdurft. Füttern und wischen – das ist doch Pflege, oder? In der Tat, es sind wichtige Aufgaben, die gemacht werden müssen – ethisch und praktisch gesehen. Aber Pflege ist mehr. Und Ihre Relevanz steigt.

Bei vielen Menschen hat die Pflege so lange kein hohes Ansehen, bis sie einmal persönlich auf Hilfe dieser Profession angewiesen sind. Pflege ist „kein sexy Thema, das einen in die Glitzerpresse bringt“, sagt Karl-Josef Laumann, der Patientenbeauftragte der Bundesregierung. Aber Pflege hält unsere Gesellschaft im Kern zusammen. Wir, die Pflegefachpersonen, zeigen täglich Solidarität mit bedürftigen Menschen, völlig unabhängig von deren Religion, Ethnie, politischer Weltanschauung oder der Schwere des Portemonnaies. Pflege ist die schützende und helfende Hand für kranke und bedürftige Menschen.

Nun ist es an der Zeit, uns zur Seite zu stehen. Solidarität ist die Art von Respektsbekundung, die wir am nötigsten brauchen. Denn unsere Gesellschaft steht vor immensen Herausforderungen. Der demographische Wandel baumelt wie ein Damoklesschwert über uns allen.
So bringt uns die massenhafte Alterung in eine Situation, die historisch ihresgleichen sucht. Wenn ich im heutigen gesetzlichen Rentenalter sein werde, wird ein Drittel der Menschen in Deutschland über 65 Jahre alt sein. Mit zunehmendem Alter steigen das Risiko der Pflegebedürftigkeit und damit der allgemeine Pflegebedarf. Unsere Gesellschaft und unser Zusammenleben könnten auf eine harte Probe gestellt werden.

Wer mein mulmiges Gefühl beim Gedanken an diese Zeiten teilt, sollte einer Berufsgruppe zuhören, die alle Eigenschaften mitbringt, den Risiken und Nebenwirkungen dieses Wandels innovativ und kompetent entgegenzutreten. Die Pflege braucht politisches Gehör. Doch zum Leidwesen unserer Gesellschaft sind viele von uns Pflegefachpersonen nicht politisch aktiv.
Während vermutlich jede Berlinerin und jeder Berliner eine Pflegefachperson in der Familie, in der Nachbarschaft oder im Freundeskreis hat, hat die Pflege noch immer keine Lobby in der Politik. Dabei ist die Politik der Ort, an dem die Rahmenbedingungen geschaffen werden, die unsere Lebensbedingungen bestimmen.

Warum also tut die Pflege nichts für ihre Lobby? Nun, da wir rund um die Uhr für die Menschen da sind, arbeiten wir auch rund um die Uhr, die allermeisten von uns im Schichtdienst: Früh-, Zwischen-, Spät- und Nachtdienst. Manche von uns arbeiten zwölf Stunden am Tag, manche in geteilten Diensten. Regelmäßige Termine wahrzunehmen, ist für viele von uns unmöglich. Aber gerade die Arbeit in Parteien, Vereinen, Gewerkschaften, Verbänden und anderen Organisationen lebt von einer verlässlichen Regelmäßigkeit des Engagements. Wer nicht über Jahre durchgängig dabei bleibt, kann sein politisches Engagement gleich aufgeben.

Die zwingende Folge: Ohne Mitstreiter aus der Pflege fehlt es den betreffenden Organisationen an Problemlösungskompetenz. Wussten Sie beispielsweise, dass der Patientenbeauftragte der Bundesregierung gelernter Schlosser ist? Unter uns: Wollten Sie während Ihres letzten Lebensabschnitts in einer Autowerkstatt versorgt werden? Eher nicht, oder? Denn nur wer die Probleme kennt, kann sie lösen. Die Politik braucht pflegerische Kompetenz!

Und es tut sich etwas. Bundesweit stehen immer mehr Pflegefachpersonen auf, um ihre Stimme zu erheben und sich zum Beispiel für Pflegekammern einzusetzen. Pflegekammern sind Körperschaften des öffentlichen Rechts, die eine sachgerechte professionelle Pflege garantieren sollen, die sich am aktuellen Erkenntnisstand der Pflegewissenschaft orientiert. Der größte Vorteil einer Pflegekammer besteht darin, dass Pflegefachpersonen darüber wachen und entscheiden, was unsere Arbeit als Pflegefachpersonen betrifft. Menschen mit echter, praktisch gewonnener Expertise. Menschen vom Fach.

In Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein ist die Pflegekammer quasi beschlossene Sache. In Berlin dauert eine Befragung an, um zu prüfen, wie die Mehrheit der Pflegefachpersonen über eine Pflegekammer denkt. Die Befragung erfolgt im Auftrag des Senators für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja (CDU), und wird von einer Projektgruppe der Alice-Salomon-Hochschule durchgeführt. Berlinweit findet die Idee Unterstützung durch führende Anbieter des Gesundheitssektors, die sich in der Allianz Pflegekammer Berlin zusammengeschlossen haben.
Auch an der Evangelischen Hochschule Berlin zeigen Pflegefachpersonen Engagement. Dort haben Studierende mit pflegewissenschaftlichem Curriculum das Hochschulreferat Berufspolitik Pflege gegründet. Diese Gruppe möchte das politische Engagement von Pflegefachpersonen fördern, um die Errichtung einer Pflegekammer in Berlin durch informierte und motivierte Pflegefachpersonen begleitet zu wissen.

Ich würde mir wünschen, dass alle Berlinerinnen und Berliner gemeinsam dafür Sorge tragen, dass der Pflege endlich der Stellenwert eingeräumt wird, der ihr gebührt. Auf dass es unserer Gesellschaft und damit dem persönlichen Wohl jedes Einzelnen gereicht!

An meine Kolleginnen und Kollegen richte ich den Appell, gemeinsam dafür Sorge zu tragen, dass die Errichtung einer Pflegekammer nicht nur ein formaler Akt wird, sondern uns zu einer politischen Stimme verhilft. Denn ich bin überzeugt: Je stärker die Partizipation der Vertretenen ist, desto höher ist der politische Wirkungsgrad der Vertreter.

Der Originaltext wurde anlässlich des 2. Deutschen Pflegetages im Blog von Markus Lauter veröffentlicht und ist in der Ausgabe der Tageszeitung Der Tagesspiegel vom 12.03.2015 erschienen.