Anerkennung Pflege - Weil Pflege mehr ist !

Fachkräfte zu pflegen, bringt mehr als neue auszubilden

Fachkräfte zu pflegen, bringt mehr als neue auszubilden

Ist der Bundesrat der einzige Sündenbock beim Mangel an gut qualifiziertem inländischem Personal? Bildungs- und Fachkräfteexperten widersprechen. In der Pflicht stünden auch die Unternehmen – gerade im Pflegebereich, wo Fachkräfte besonders fehlen. Die Lösung ist bei der bestehenden Arbeitsbevölkerung zu suchen

Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 19.02.2015 Berner Zeitungsartikel hier

Egal, ob sich die Wirtschaftslage eintrübt oder die Politik die Zuwanderung beschränkt – beides macht die Schweiz für ausländisches Fachpersonal weniger attraktiv. Die hiesige Wirtschaft bleibt aber auf gut qualifizierte Fachkräfte angewiesen, wenn sie auf der Höhe der Zeit bleiben will. Letzte Woche ertönte aus der Politik und der Wirtschaft der Vorwurf, der Bundesrat habe es verschlafen, rechtzeitig dem Fachkräftemangel vorzubeugen.

Zu den Kritikern gehört auch der Ökonom Rudolf Strahm, der sich seit langem pointiert zu Bildungsfragen äussert. Es fehle eine klare Projektorganisation, sagte er gegenüber der Nachrichtensendung «10vor10». Die Bildungskommission des Nationalrats will nun mehr Geld in die Ausbildung pumpen.

Dem Bildungsökonomen Stefan Wolter ist beides entschieden zu simpel gedacht. Er nimmt den Wirtschafts- und Bildungsminister Johann Schneider-Ammann (FDP) gar in Schutz: «Manchmal ist es schwieriger, das Nichtstun auszuhalten», sagt er. Denn die Schweizer Wirtschaftspolitik sei genau darum so erfolgreich gewesen in der Vergangenheit, weil sie nicht zu «hyperaktiven, dirigistischen Massnahmen» neige, sondern sich damit begnüge, Rahmenbedingungen für Lösungen aus der Praxis zu setzen.

Beim Pflegepersonal brennts

Im Gesundheitsbereich ist das Problem besonders akut. Auch wenn die Bevölkerung der Schweiz künftig weniger wachsen sollte, wird sich daran nichts ändern. Denn die Bevölkerung altert. Mehr Pflegebedürftige sind die Folge. Bis 2020 braucht es 25000 zusätzliche Pflegefachleute, das sind ein Viertel mehr als heute. Hat der Bundesrat zu wenig unternommen?

Barbara Gassmann, Vizepräsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, ist diese Schuldzuweisung ebenfalls zu einfach. Immerhin habe der Bundesrat 2010 im Rahmen der Fachkräfteinitiative einen Masterplan Pflegeberufe ins Leben gerufen (s.Box «Fachkräfteinitiative»). Sie bezweifelt, dass es an der Führung durch den Bundesrat fehlt. Am Geld schon eher.

Ausbilden reicht nicht

Einfache Rezepte gebe es jedoch keine, schiebt Gassmann als Vorbehalt ein. Das Problem ortet sie nicht primär in der Ausbildung, sondern in der Attraktivität der Pflegeberufe. Das hängt auch damit zusammen, dass sie mit 85Prozent Frauenanteil mit spezifischen Charakteristika von Frauenberufen zu kämpfen haben. Der Einstiegslohn ist laut Gassmann zwar nicht schlecht, doch die Lohnentwicklung nach Weiterbildungen und bei Übernahme vermehrter Verantwortung ist zu gering. Viele Fachfrauen arbeiten Teilzeit oder steigen sogar ganz aus, wenn sie Kinder bekommen.

Wo sollten also zusätzliche Mittel im Rahmen einer von Bundesbern ins Spiel gebrachten Qualifizierungsoffensive hin? Einerseits in mehr Praktikumsplätze in den Gesundheitsinstitutionen. Auch sollte der Numerus clausus an Fachhochschulen aufgehoben werden. Anderseits, und das ist Gassmann wichtig, müsste das Berufsumfeld attraktiver gestaltet werden, etwa mit Angeboten für die Kinderbetreuung und einem weniger stressigen Berufsalltag, dass man bis zur Pensionierung arbeiten kann.

Leute im Beruf behalten

Zwar würden gegenwärtig tatsächlich nur halb so viele diplomierte Pflegefachpersonen pro Jahr ausgebildet wie gemäss der Prognose für das Jahr 2020 nötig wären. Könnte hingegen die Verweildauer im Beruf, die heute bei knapp 15 Jahren liegt, um 1Jahr angehoben werden, würde sich das Problem bereits deutlich entschärfen, ist Gassmann überzeugt. Ergo ist es mit einer Qualifizierungsoffensive nicht getan. Wer mitziehen muss, sind auch die Betriebe – sprich in diesem Fall die Spitäler und Heime –, denen die Fachkräfte im Übrigen ja auch fehlen.

Bildungsökonom Wolter ortet das Hauptproblem im Gesundheitsbereich im fehlenden Optimierungsdruck. Anderswo würden ineffiziente Marktteilnehmer schlicht aus dem Markt gedrängt, betont er. «Ich sage nicht, dass Pflegerinnen und Pfleger zu wenig arbeiten, aber ihre Arbeit wird nicht optimal organisiert. Dabei sei nur an den Administrationsaufwand erinnert, über den man sich in den Spitälern beklagt», so Wolter. «Der Bereich entwickelt schlicht einen zu grossen Hunger nach zusätzlichem Personal», kritisiert er.

Wo Potenzial schlummert

Wolter sieht die Lösung des Fachkräfteproblems jedenfalls nicht in einer Ausbildungsoffensive (siehe Box zum Lehrermangel). Für ihn stehen drei andere Bereiche im Vordergrund. Am meisten brächte es, wenn Teilzeitarbeitende ihren Beschäftigungsgrad erhöhen würden. Dazu könne auch der Staat mit besseren Rahmenbedingungen beitragen (siehe unten «Drei Vorschläge»).

Dann, pflichtet er Gassmann bei, wäre es begrüssenswert, wenn die Arbeitstätigen länger im Arbeitsprozess bleiben würden. Dazu wäre nicht einmal eine Erhöhung des Rentenalters nötig. «Heute geht ein Mann im Durchschnitt mit 62, eine Frau mit 60 in Rente», stellt Wolter fest. Das ordentliche Rentenalter liegt aber bei 65 beziehungsweise 64 Jahren.

Schliesslich sei auch bei Arbeitslosen ein gewisses Potenzial vorhanden. Allerdings bedeute deren Integration in den Arbeitsmarkt einen grösseren Aufwand als in den beiden vorher genannten Bereichen. Das Potenzial an brachliegenden Arbeitskräften hingegen sei gering. Im Grunde genommen habe der freie Personenverkehr die Wirtschaft etwas bequem gemacht. Der nun entstehende Druck sei darum auch als Chance zu betrachten.

Drei Vorschläge: Fehlanreize beseitigen

1. Hoch qualifizierte Frauen in einer Partnerschaft haben oft wenig davon, wenn sie arbeiten. Schuld daran sind die Steuerprogression und – wenn Kinder vorhanden sind – die Betreuungskosten. Unter Umständen bleibt wenig vom zusätzlichen Einkommen übrig. Bildungsökonom Stefan Wolter sieht hier politischen Handlungsbedarf. «Das System muss umgebaut werden», fordert er. Das Problem sei die rein monetäre Ausrichtung der Besteuerung und der Entlastungen. Wolter schlägt vor, dass man die Beschäftigungshöhe als Kriterium einbezieht: Die Beschäftigungshöhe soll bei der Steuerbemessung eines Doppelverdienerpaars eine Rolle spielen.

2. Wer nach einer vom Staat finanzierten teuren Ausbildung freiwillig aufs Arbeiten verzichtet, soll die Kosten zumindest zum Teil zurückbezahlen. Diesen provokativen Ansatz formuliert Wolter als Alternative zu höheren Studiengebühren. Die Massnahme würde aber auch das Arbeiten attraktiver machen.

3. Bei Teilzeitstellen könnten Arbeitgeber eine Mindestanstellung durchsetzen. Mit einer Erhöhung der Stellenprozente liessen sich am schnellsten und am billigsten Engpässe beseitigen. Denn das bereits ausgebildete und eingearbeitete Fachpersonal würde besser genutzt.

Zitiert von Berner Zeitung

Fachkräfte zu pflegen, bringt mehr als neue auszubilden Ist der Bundesrat der einzige Sündenbock beim Mangel an gut qualifiziertem inländischem Personal? Bildungs- und Fachkräfteexperten widersprechen. In der Pflicht stünden auch die Unternehmen – gerade im Pflegebereich, wo Fachkräfte besonders fehlen. Die Lösung ist bei der bestehenden Arbeitsbevölkerung zu suchen Von Christoph Aebischer. Aktualisiert am 19.02.2015 Berner Zeitungsartikel hier Egal, ob sich die Wirtschaftslage eintrübt oder die Politik die Zuwanderung beschränkt – beides macht die Schweiz für ausländisches Fachpersonal weniger attraktiv. Die hiesige Wirtschaft bleibt aber auf gut qualifizierte Fachkräfte angewiesen, wenn sie auf der Höhe der Zeit bleiben will. Letzte…

War dieser Beitrag hilfreich?

Super Beitrag

Zusammenfassung: Hat ihnen der Beitrag gefallen? Dann hinterlassen sie uns ein paar Sterne!

Bewertung: Sei der erste !